demnächst:

7 Feb 2019

Study-Visits der Zukunftsorte Österreich im Landkreis Miesbach, Bayern

Nachlese:

Was ein Fahnenschwinger und ein japanischer Stararchitekt gemeinsam haben


Die da&dort-Veranstaltung “Kultur_verbindet 2” zeigt, wie vielfältige Kulturinitiativen das Orsleben beflügeln.

Es beginnt mit einem tristen Bild: Eine Überschwemmung nimmt Bauern die Lebensgrundlage. Der Weinskandal 1985 lässt die Absätze einbrechen und noch trennt der eiserner Vorhang Neckenmarkt und seinen ungarischen Nachbarort Harka.

Die Architekten Anton Mayerhofer und Kurt Smetana blicken in ihrem Vortrag „Baukultur, Dorferneuerung und Leerstandsvermeidung“ zum Auftakt der Veranstaltung „da&dort – Kultur:verbindet“  zurück auf diese Zeit. „In den Ortszentren blieben zu jener Zeit die Alten und ökonomisch Schwachen zurück”, sagt der Ortsplaner Smetana, „Ein Problem, dass Ihnen vielleicht auch heute noch bekannt vorkommt”.

Aber aus der Katastrophe entwickelte sich jener starke Zusammenhalt, der heute ein reiches Vereinsleben und die Baukultur trägt. Die beiden Gastgemeinden Raiding und Neckenmarkt teilen beim LEADER-Projekt „Da und Dort – Lernen im überregionalen/internationalen Netzwerk“ das Wissen darum, wie Kultur ländliche Gemeinden stärkt und ihnen neuen Antrieb gibt. Diese Erfahrungen mit Architektur, Vereinen und klassischer Musik geben die Mittelburgenländer an das transnationale Netzwerk aus innovativen Gemeinden und interessierte RegionalmanagerInnen sowie BürgerInnen weiter.

Gebaute Kultur

Zunächst stand dabei die Baukultur in Neckenmarkt bei einer Schau vor Ort und einem inhaltlichen Input im Fokus. Kurt Smetana, ein Pionier österreichischer Dorferneuerung, erzählt, wie die Wiederbelebung der Ortskerne Ressourcen schont und die besondere Identität von Orten bewahrt. Dazu gehört die Neugestaltung der Plätze in Neckenmarkt mit Bürgerbeteiligung, aber auch viele direkte Gespräche mit der jungen Generation, die nun beginnt, ihr Eigenheim zu planen.

Statt Einfamilienhäusern auf der grünen Wiese entscheiden sich nun auch einige Neckenmarkter Ortssöhne und Ortstöchter für den alten Streckhof der Eltern im Ortszentrum. Die liebevoll renovierten Häuser bieten Platz für verschiedene Generationen der Familie. Die Stadl am Ende des Hofes werden ideenreich umgenutzt.

Auch die Weinbauern schreiten mit gutem Beispiel voran und bleiben im Ortszentrum. Als Antwort auf den Weinskandal entwickelte der gebürtige Neckenmarkter Anton Mayerhofer eine spezielle Weinbauarchitektur, welche die Arbeitsschritte in der Weinerzeugung transparent macht und auf die alte Bausubstanz Rücksicht nimmt. Somit wirkte die Architektur der Vorsicht der KonsumentInnen entgegen und stellte die Qualität offen zur Schau. „Mit Baukultur kann man  Image transportieren und Identität schaffen“, sagt Mayerhofer.

Modernes für Alte

Den zweiten Tag der Veranstaltung bespielt Raiding mit klassischer Musik und japanischer Architektur. Davor erhalten die da&dort-TeilnehmerInnen noch einen Einblick in das moderne Pflegezentrum.

„Raiding ist eine Pendlergemeinde“, sagt Geschäftsführer des Zentrums Franz Drescher. „Dadurch besteht besonders für alte Menschen die Gefahr der Vereinsamung. Dem wirken wir hier entgegen.“

Vom betreuten Wohnen plus bis hin zu einer umfassenden Betreuung für Demenzkranke bietet sein Haus Pflege, die sich den unterschiedlichen Bedürfnissen anpasst. Auch MindestpensionsbezieherInnen können sich das Angebot leisten. Ein Gewinn für die ältere Generation und die Gemeinde: Das moderne Zentrum verschafft der 900-Seelen-Gemeinde Raiding  in etwa 70 Arbeitsplätze und an die 100 Hauptwohnsitze.

Ein Haus für Störche und Architekturliebhaber

Der Weg zum sogenannten „Storchenhaus“ führt zurück zum Thema Kultur. Der Architekturjournalist Roland Hagenberg initiierte das Kunstprojekt, für welches zehn japanische Stararchitekten kleine Gästehäuser für Raiding entwarfen. Die Idee von Terunobu Fujimori nahm 2012 im Ortszentrum auf fünf mal fünf Metern Grundfläche Gestalt an. Die Eigeninitiative Habenbergs und die tatkräftige Unterstützung lokaler Akteure ermöglichten das Projekt, das den Namen „Raiding“ in internationalen Hochglanzmagazinen auftauchen lässt.

Auch in der Musik spielt Raiding auf der internationalen Klaviatur. Das Liszt-Festival zieht jährlich 9.000 Klassikbegeisterte an und macht den Ort als Kulturstätte bekannt. Aber ohne engagierte und begeisterte Akteure vor Ort geht es nicht. Das zeigt Obmann des Liszt-Vereins Manfred Fuchs, als er  im Liszt-Geburtshaus für die BesucherInnen auf einem original Flügel des Komponisten spielt. Momentan baut er in mühevoller Arbeit eine Bibliothek mit Werken des Komponisten auf, die im neuen Gemeindezentrum beheimatet sein wird.

Nicht immer muss erst ein Unglück passieren, damit sich etwas zum Positiven ändert. Diese Erkenntnis steht am Ende der  zweitätigen da&dort-Veranstaltung. Architekt Kurt Smetana empfiehlt: Warten Sie nicht die Katastrophe ab, sondern suchen Sie Gleichgesinnte und Verbündete, um Wandel voranzutreiben. Kultur in seiner vielfältigen Form dazu ein gutes Mittel.

Der Verein Zukunftsorte ist die Plattform der innovativen Gemeinden Österreichs. Zukunftsorte sind Gemeinden mit Weitblick, die ihre Entwicklung selbst in die Hand nehmen, auf Innovation und mutige Projekte setzen. Aktuell sind zwölf österreichische Gemeinden Mitglied bei den Zukunftsorten. Die österreichischen Zukunftsorte teilen im Rahmen des transnationalen LEADER-Projekts „Da und Dort – Lernen im überregionalen/internationalen Netzwerk“ ihre Expertise in Zukunftsfragen wie Bildung, Raumplanung, Architektur oder Energie über die Gemeinde- und Landesgrenzen hinaus.

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Unsere Stationen und Ergebnisse finden Sie in unserer Foto-Nachlese.