demnächst:

7 Feb 2019

Study-Visits der Zukunftsorte Österreich im Landkreis Miesbach, Bayern

Nachlese:

Junge ÄrztInnen braucht das Land


In Bad Blumau diskutieren innovative Gemeinden über die Zukunft der medizinischen Versorgung am Land.

 

Ob wochentags oder sonntags in der Kirche, LandärztInnen gelten als rund um die Uhr verfügbar und haben nicht nur Verständnis für alle Probleme, sondern auch stets die richtige Lösung. Dieser Mythos hält sich hartnäckig. AllgemeinmedizinerInnen sind mit einer hohen Erwartungshaltung konfrontiert, weiß Dr. Ulrike Stark vom Gesundheitsfonds Steiermark: „Sie sind die ersten Ansprechpersonen für alle Anliegen und dadurch HNO-ÄrztInnen und PsychotherapeutIn gleichzeitig.“ Von ihrer Präsentationsfolie lacht der Bergdoktor. Serien wie diese haben wesentlich zum Image des Landarztberufes in der Bevölkerung beigetragen.

Inwiefern findet sich die nächste Generation von MedizinerInnen in diesem Bild wieder? Was sind ihre Erwartungen an den Beruf des Landarztes bzw. der Landärztin? Und wie können Gemeinden in Zeiten eines Ärztemangels am Land junge Menschen dabei unterstützen, sich dort niederzulassen?

Diese Fragen diskutierten die VertreterInnen der Gemeinden des transnationalen Netzwerks im LEADER-geförderten Projekt „da&dort“ gemeinsam mit MedizinerInnen am 15. und 16. November in Bad Blumau.

Vom Einzelkämpfertum zum Netzwerk

Besonders eines wurde an diesem Tag in Bad Blumau klar: Der Landarztberuf befindet sich im Wandel. Die Erwartungshaltung und Motivation einer neuen Generation von MedizinerInnen hat sich verändert – das zeigte Dr. Reingard Glehr in ihrem Vortrag. Die Jungmedizinerin hat erst kürzlich eine Kassenstelle als Hausärztin im Nachbarort Hartberg übernommen und unterrichtet zugleich am Institut für Allgemeinmedizin in Graz. Junge MedizinerInnen wie sie wollen keine EinzelkämpferInnen mehr sein, sondern im Team arbeiten. „Mobilität im Beruf wird für die junge Generation immer wichtiger. Man wünscht sich Zugang zu anderen FachärztInnen“, sagt Dr. Glehr. Außerdem braucht der Landarztberuf Profilierungsmöglichkeiten. Junge ÄrztInnen vermissen die Anerkennung innerhalb der medizinischen Hierarchie und betrachten die Praxisgründung oft als die Endstation ihrer medizinischen Entwicklung.  

Wie die Verwaltung auf die Veränderung von Ansprüchen an den Arztberuf, wie auch auf die Trends der Zeit reagiert, erläutert Dr. Ulrike Stark vom Gesundheitsfonds Steiermark in ihrem Vortrag. Maßnahmen, wie die Gründung von Gesundheitszentren oder die Schließung von Krankenhäusern, sind Ergebnisse aus sich verändernden Notwendigkeiten und Bedürfnissen. So beeinflussen Faktoren, wie der medizinische Fortschritt – der zur Reduktion von Patientenzahlen führt – aber auch der Wunsch nach interdisziplinärer und multiprofessioneller Zusammenarbeit, die medizinische Versorgungslandschaft. 

Zur gut vernetzten medizinischen Versorgung gehört auch eine Vielfalt von Gesundheitsberufen. Psychologe und Psychotherapeut Nikolas Anastasiadis wirft in seinem Vortrag Licht auf ein oft im Dunkeln bleibendes Thema: psychische Krankheiten. Speziell im engen Verband der Gemeinden gelten sie als Tabu. Das Nicht-Behandeln hat nicht nur auf persönlicher Ebene schwerwiegende Konsequenzen, sondern durch Arbeitsausfälle und körperliche Erscheinungen auch finanziell. „Psychotherapie als Kassenleistung“ lautet deshalb Anastasiadis’ Fazit und Appell.

Gesunde Gemeinden heute und morgen

Ist die Hausarztpraxis ein Auslaufmodell? Definieren die regionalen Gesundheitszentren die medizinische Versorgung von morgen?

„Für flächendeckende Gesundheitszentren fehlt es an Geld. Dadurch bleiben sie schöne Worthülsen“, sagt Dr. Alfred Hiden. Der Hausarzt von Bad Blumau diskutierte beim „Reality Check“ aktuelle Entwicklungen. Die zunehmende Bürokratisierung des Arztberufes und veraltete Regelungen in der Besetzung von Kassenpraxen verhindert die Niederlassung junger ÄrztInnen am Land. Das befürchtet der Allgemeinmediziner, dessen Pensionierung in wenigen Jahren ansteht.

„Nicht ein einzelnes Modell wird die zukünftige Gesundheitsversorgung sicherstellen, sondern ein Mix davon“ betont Dr. Glehr. Dr. Stark unterstreicht das aus Perspektive der Verwaltung. Es geht darum, das bisherige Gesundheitssystem zu ergänzen, nicht zu ersetzen.

Abschließend diskutieren die TeilnehmerInnen der Veranstaltung die Einflussmöglichkeiten von Gemeinden, Zukunftsszenarien sowie die Diskrepanz zwischen Stadt und Land.

Dabei wird die Befürchtung der zukünftig mangelnden medizinischen Versorgung am Land entkräftigt – denn wirft man einen Blick auf die Zahlen, gibt es genug AllgemeinmedizinerInnen, um die anstehende Pensionierungswelle auszugleichen. Nun braucht es Maßnahmen, um junge MedizinerInnen für die Arbeit am Land zu begeistern.

An Ideen für die Gestaltung der Landmedizin scheitert es nicht: Gemeinden könnten etwa durch die Bereitstellung von Räumen zum Arbeiten und Wohnen aktiv auf Interessierte zugehen. Auch die Anstellung bei ÄrztInnen und das dadurch ermöglichte „Mentoring“ würde für JungärztInnen den Schritt in die Landarztpraxis erleichtern. Nicht zuletzt forderten die TeilnehmerInnen mehr Aufmerksamkeit für den ländlichen Raum ein, wenn es darum geht, Ressourcen zu verteilen. Das Engagement in der Diskussion lässt ahnen: Über das Thema der Landmedizin wurde in den Zukunftsorten nicht das letzte Mal debattiert.


Der Verein Zukunftsorte ist die Plattform der innovativen Gemeinden Österreichs. Zukunftsorte sind Gemeinden mit Weitblick, die ihre Entwicklung selbst in die Hand nehmen, auf Innovation und mutige Projekte setzen. Aktuell sind zwölf österreichische Gemeinden Mitglied bei den Zukunftsorten. Die österreichischen Zukunftsorte teilen im Rahmen des transnationalen LEADER- Projekts „Da und Dort – Lernen im überregionalen/internationalen Netzwerk“ ihre Expertise in Zukunftsfragen wie Bildung, Raumplanung, Architektur oder Energie über die Gemeinde- und Landesgrenzen hinaus.
 
Bei Rückfragen wenden Sie sich an:

Die Stimmen:

Dr. Ulrike Stark

Gesundheitsfonds Steiermark
Über die Aufrechterhaltung der ländlichen Gesundheitsversorgung

Dr. Reingard Glehr

Hausärztin in Hartberg / Lehrende am Institut für Allgemeinmedizin Graz
Über die Zukunft des Landarztberufes

Mag. Nikolas Anastasiadis

Klinischer Psychologe und Psychotherapeut
Über die sozialpsychiatrische Versorgung am Land

Dr. Alfred Hiden

Hausarzt in Bad Blumau
Über die Realität des Hausarztdaseins