Offene Menschen, Offene Gemeinden, Offene Netzwerkstatt

Der Verein Offene Netzwerkstatt schafft im Zukunftsort Munderfing einen einzigartigen Raum für das Erlernen handwerklicher und technischer Fähigkeiten. Bei der Entwicklung des Projekts lieferte die Veranstaltungsreihe da&dort zentrale Anstöße und wichtige Kontakte.

Es ist Anfang Jänner 2017. In Oliver Wollboldts Garten in Munderfing stehen die Nachbarn im Kreis. Sie frönen dem alljährlichen Ritual des gemeinsamen Christbaum-Verbrennens. Das trockene Reisig knackt im Feuer, es wird Bier gereicht und gescherzt. Zu spätere Stunde fällt dann zum ersten Mal der Begriff, der etwas in Rollen bringt: FabLab.

Eine Werkstatt, die allen offen steht, um neueste Technologien auszuprobieren, um Dinge schnell und ohne großen Aufwand zu designen und zu entwickeln – von diesem Ort schwärmt der Softwareentwickler Thomas Gangl, als die Christbäume im Garten schon zu Kohle verbrannt sind. Er sei Mitglied in einem solchen „FabLab“, dem happylab in der Stadt Salzburg. Wollboldt horcht auf.

Das Konzept lässt ihn in den kommenden Tagen nicht los. Und so machen die Nachbarn Wollboldt, Gangl und der ebenfalls technologieversierte Willem Brinkert einen Ausflug in das ominöse FabLab. Die drei erwarten Schraubenzieher wie Lasercutter, ein Roboterarm genauso wie ein klassischer Akkuschrauber. All das steht Mitgliedern des FabLabs für ihre Projekte und Versuche zur Verfügung. Die Mieter helfen sich gegenseitig bei der Bedienung der Maschinen. Wollboldt staunt. Wieder zuhause angekommen kommt dann die Erkenntnis: „Warum fahren wir eigentlich nach Salzburg? Bei uns hier draußen am Land gibt es genügend Menschen, die so etwas nutzen könnten!“

Werkstatt statt Verein

Oliver Wollboldt, der das Christbäume-Verbrennen zum Brauch machte, zog 2001 mit seiner Frau vom Ruhrgebiet in Deutschland nach Munderfing. Der Ort im Kobernaußerwald erfüllte alle Wünsche an den zukünftigen Wohnort des Paares. Die Landschaft des Kobernaußerwaldes, die herzlich-direkte Art der Munderfinger, die gute Infrastruktur und schließlich auch die offene Stelle beim Motorradhersteller KTM addierten sich zu einem überzeugenden Gesamtpaket.

Die Wollboldts fühlten sich wohl. Nur an den Vereinen konnten sie nicht ganz andocken. „Wenn ich hier wohne und mich hier wohlfühle, ist es mir auch wichtig, dass ich für die Gemeinschaft etwas weiterentwickle. Mir war es immer schon ein Anliegen, dass ich mich einbringe“, sagt Wollboldt. Für die Vereinstätigkeit bei der Freiwilligen Feuerwehr bilde seine Höhenangst ab vier Metern ein unüberwindbares Hindernis, scherzt er. Aber ein neues Projekt auf die Beine zu stellen, kommt seinen Fähigkeiten entgegen.

Und ein FabLab könnte eine wichtige Lücke füllen, um einen wirtschaftstüchtigen Ort wie Munderfing zu unterstützen. Firmen suchen händeringend nach Lehrlingen und Mitarbeitern, für die CNC-Fräse und 3D-Drucker keine Fremdwörter sind und die die Sprache der Digitalisierung beherrschen. Für gut ausgebildete Personen hingegen bietet ein FabLab ein interessantes Stück Infrastruktur und auch Anschluss an eine innovative Gemeinschaft.

Berufswunsch neu entdeckt

Auch Jugendlichen und Kinder hilft es, ihre Talente und Interessen abseits klassischer Berufe zu entdecken. Dabei ist es unerheblich, wo sie ihr Berufsweg hinführt, ist Wollboldt überzeugt. Die Fähigkeiten, selbst Ideen zu entwickeln, kreativ Probleme zu lösen und neue Technologien rasch zu erlernen, ist in Zeiten sich wandelnder Arbeitsfelder wichtiger denn je. Das FabLab repräsentiert dabei ein anderes Lernen, ein besonderes Bildungsangebot für die Region.

Um diese Idee voranzutreiben, formierte sich eine Gruppe, die heute als Verein Offene Netzwerkstatt Innviertel in Erscheinung tritt. Mit dabei sind die Nachbarn Oliver Wollboldt als kaufmännischer Leiter, Thomas Gangl als Softwarenentwickler und Willem Brinkert als technischer Leiter. Außerdem engagieren sich auch die Arbeitspsychologin Simone Gadocha-Gangl und der Lehrer Hannes Moser als Bildungsexperten im Verein.

Schnell stellte sich heraus, dass der Sitz des FabLabs in Munderfing sein werde, erzählt Wollboldt. „Munderfing hat uns hier einen sehr guten Boden geboten. Wir wären auch woanders hingegangen, aber hier haben wir mit wenig Überzeugungsarbeit offene Türen eingerannt.“

Es wird konkret

Ein motiviertes Kernteam, eine offene Gemeinde – auf diesem Fundament wächst das Projekt. Aber viele Fragen sind zu Beginn noch offen: Wie schneidert man das Angebot auf die Bedürfnisse der BürgerInnen zu? Wie finanziert man das Projekt? Wie kommuniziert man den sperrigen Begriff „FabLab“? Das Projekt steht im Frühjahr 2017 vor den ersten Hürden.

Der Amtsleiter und glühende Befürworter der Idee Erwin Moser erkennt, dass das Team der Offenen Netzwerkstatt das Rad keineswegs neu erfinden muss. Die Veranstaltung des LEADER-Projekts „da&dort“ in Hinterstoder greift im Sommer die Kultur des Teilens auf. Unter den angekündigten Vorträgen finden sich zahlreiche Beispiele für geteilte Experimentierräume im ländlichen Raum, wie etwa ein Co-Working Space in der Eisenstraße in Niederösterreich. Und ein FabLab in Tirol. So kommt Oliver Wollboldt zum ersten Mal in Kontakt mit den Zukunftsorten.

Zwei Tage im oberösterreichischen Hinterstoder verlaufen positiv für Wollboldt und somit auch das Projekt: „Hinterstoder hat für mich den Blick geöffnet auf eine Landschaft von Personen, zu denen ich sonst nie so kompakt und entspannt Zugriff gehabt hätte.“

Ein Vorbild gefunden

Eine zentrale Figur dabei war Matthias Neeff. Der Leiter der Regionalentwicklungsgesellschaft Destination Wattens beteiligte sich maßgeblich an der Schaffung eines FabLabs in ehemaligen Fabrikräumen des Schmuckherstellers Swarovski. Bei einem langen Gespräch am Abend  löchert der Netzwerkstatt-Gründer den Vortragenden Neeff. Sein Wissen und die direkte Erfahrung mit dem Aufbau eines ländlichen FabLab unterstützt die Netzwerkstatt in dieser wichtigen Phase.

Prompt folgt ein weiterer Besuche in Wattens im Oktober 2017 durch diesen neuen Kontakt. Damit klärt sich auch die künftige Ausrichtung in Munderfing. Das Team erkennt, dass es für Munderfing eine offene Werkstatt braucht, kein klassisches FabLab.

Denn während Wattens durch die Verbindung zur Hochschule und Forschungsinstitutionen auf akademisches Publikum setzt, braucht es in Munderfing eine stärkere Ausrichtung auf Handwerk. Nur so holt man die GemeindebürgerInnen in ihren Bedürfnissen gut ab. So wandelt sich das FabLab zur Offenen Netzwerkstatt, die klassisches Handwerk stärker fördert, ohne auf die Möglichkeiten des FabLabs zu verzichten.

Mit dem Tischler auf Tour

Als die Zukunftsorte mit der Veranstaltung „KoKo on tour“ ein Monat später Wattens besuchen, fährt das Team erneut mit. Auch diese Zukunftsorte-Veranstaltung markiert einen Meilenstein für das Projekt. Denn Wollboldt überredet den ehemaligen Tischler Maiburger und seine Frau Renate dazu, mitzufahren und sich das Konzept „FabLab“ in der Praxis anzusehen. Beide sind Eigentümer des idealen Ortes für eine offene Werkstätte in Munderfing: Eine aufgelassene Tischlerei mitten im Ortszentrum.

Matthias Neeff führt die TeilnehmerInnen durch die Räumlichkeiten, vom Co-Working-Space, wo einige Arbeiter gerade ein gemeinsames Thanksgiving-Essen vorbereiteten, bis zu den Werkstätten mit FabLab-Ausstattung, wo gerade an 3D-Modellen gebastelt wird. Das Schaustück zeigt Wirkung – heute ist das Ehepaar Maiburger ein wichtiger Partner und stellt nach aktuellem Stand seine Räumlichkeiten für die Offene Netzwerkstatt zur Verfügung.

Für Wollboldt ist klar – das Projekt Offene Netzwerkstatt profitierte von seiner Präsenz beim LEADER-Projekt da&dort und bei den Zukunftsorten. Er entwickelt sich zum häufig gesehenen Teilnehmer der da&dort-Veranstaltungen. Aber auch umgekehrt ist es wichtig, dass Bürgerinnen und Bürger bei da&dort dabei sind, sagt Wollboldt:

„Du kannst als Gemeinde sehr viel mehr bewegen, wenn du tatsächlich Bürger in das Netzwerk einbindest. Sie wirken als Vervielfältiger der neuen Ideen in den Gemeinden, selbst, wenn die Amtsträger das Tagesgeschäft einholt. Vielleicht sind ein paar dabei, die sich in eine neue Idee hineinknien  und so etwas in der Gemeinde weiterbringen.“

Lernen und Lehren

Die Rolle als Lernender und Wissensvermittler verläuft für Wollboldt fließend. Während er bei der Veranstaltung zu „Co-Kultur“ in Hinterstoder noch vieles erfragte und lernte, fungierte er bei da&dort in Kals am Großglockner ein halbes Jahr später bereits als Ideengeber. Bei der Führung durch die örtliche Schule fielen ihm leere Räumlichkeiten auf. „Hier kann etwas entstehen – ein Repaircafé, ein Experimentierraum, eine neue Initiative“, regte er sogleich am Abend bei der Bürgermeisterin Erika Rogl und tags darauf bei einem Workshop an.

Seit dem Christbaum-Verbrennen im Jänner 2017 ist viel passiert. Langsam kommt das Projekt ins Rollen, die Gelder für die Renovierung der Räumlichkeiten stehen schon bereit. Ein Ferienprogramm im Sommer läuft bereits, die Schulen erwarten vorfreudig weitere Kooperationen ab Herbst.

Am Beispiel der Offenen Netzwerkstatt zeigt sich somit, wie ein innovatives Projekt und seine Mitglieder entlang der Veranstaltungsreihe da&dort gewachsen sind und schließlich auch selbst Anstöße in anderen Orten lieferten. „Ich habe es erlebt, ich weiß, was es für Möglichkeiten bei da&dort geben kann. Da sind wunderbare Menschen mit viel Wissen und guten Ideen dabei.“, sagt Wollboldt. Ideen, die dann auf motivierte und offene Personen wie ihn treffen können.