Zukunftsort Munderfing

Wer an moderne Gesellschaften und Wohnorte der Zukunft denkt, bei dem entstehen manchmal futuristische und sehr oft (groß-)städtische Bilder im Kopf. Zu Unrecht – denn nachhaltige und innovative Konzepte des Zusammenlebens findet man auch in Gemeinden jenseits des Speckgürtels.

In Munderfing zum Beispiel. Die oberösterreichische Gemeinde setzt in fast beispielslosem Tempo einen Schritt nach dem anderen am Weg einer zukunftsfähigen Entwicklung. Die Arbeitsplätze verdreifachten sich innerhalb der letzten 30 Jahre. Es gibt stetigen Zuzug. Hier gibt es den österreichweit ersten gemeindeeigenen Windpark. Und bald surfen die BürgerInnen flächendeckend  über Glasfaserkabel im Internet.

Von Anfang an ein „Zukunftsort“

Kein Wunder also, dass der Verein „Zukunftsorte“ Munderfing gerne in seinen Reihen sieht. Seit 2013 treffen sich die zwölf Mitgliedsgemeinden aus ganz Österreich und interessierte BürgerInnen bei Veranstaltungen in den Gemeinden – und wo immer es etwas zu lernen gibt. Dort lernen sie von den jeweiligen Kompetenzen der anderen, erklären die Hintergründe gelungener Projekte und holen sich Experten aus Wissenschaft und Kreativwirtschaft für frische Impulse.

Die LEADER-geförderte Veranstaltungsreihe „da&dort“ ermöglichte in den vergangenen drei Jahren den Austausch zu Themen wie Ortskernentwicklung, kooperativen Formen des Arbeitens und Wohnens oder zur Bedeutung kultureller Aktivitäten in kleinen Gemeinden. Neben den Zukunftsorten beteiligte sich auch der bayrische Landkreis Miesbach mit seiner Expertise zu regionaler, nachhaltiger Landwirtschaft am Projekt.

Dass Munderfing als Beispiel gelungener ländlicher Entwicklung viel in dieses Netzwerk einbringen kann, liegt auf der Hand. Doch was hat eine Gemeinde selbst noch zu lernen, die scheinbar die größten Herausforderungen bereits mit Bravour gelöst hat? Was soll sich neben Zuwanderung, Arbeitsplätzen und Infrastruktur noch verbessern?

Lebensqualität braucht mehr

Eine zentrale Erkenntnis für Munderfing aus dem Austausch der letzten Jahre ist der Wert der sogenannten „soften“ Faktoren. Nicht nur die Zahlen am Papier müssen stimmen – es braucht auch einen lebendigen Ortskern, kulturelles Angebot und die Möglichkeiten für BürgerInnen, ihre Talente zu entwickeln. Der Faktor Mensch und seine sozialen Bedürfnisse rücken in den Mittelpunkt. Denn während Arbeitsplätze und Infrastruktur sicherlich ein wichtiges Fundament eines funktionierenden Ortes bilden, reichen sie alleine für hohe Lebensqualität nicht aus.

Außerdem denkt die Gemeinde nun schon voraus, um die Errungenschaften der letzten Jahre auch für die Zukunft zu sichern. Die Wirtschaft verändert sich rasch. Wie kann man BürgerInnen  auf Problemstellungen vorbereiten, die man heute noch nicht kennt? Wie muss Bildung in einer Welt aussehen, in welcher Wissen rasant wächst und sich Technologien ständig selbst überholen?

Voneinander lernen

Als Munderfing 2013 in den Verein Zukunftsorte eintritt, durchzieht eine stark befahrene Verkehrsstraße die Ortsmitte. Das ehemalige Gasthaus im Herzen des Dorfes steht leer. Man überlegte außerdem, wie man auf die Bedürfnisse von neu Zugezogenen und zurückgekehrten BürgerInnen besser eingehen könnte. Heute steht der Ort drei Schritte weiter. Die Gemeinde erkannte die Probleme, erarbeitete Lösungen mit Bürgerbeteiligung und setzte viele Punkte daraus bereits um.

Das Netzwerk der Zukunftsorte und Veranstaltungsreihen wie die Creative Villages Conferences und da&dort waren dabei wichtige Impulsgeber. Vor allem aber braucht es das offene Ohr der Gemeinde, aktive Beteiligte vor Ort und den Rückhalt aus der Bevölkerung, um von der Idee zum Projekt zu kommen. In den folgenden Punkten sieht sich das Netzwerk Zukunftsorte als wichtiger Anstifter, Reisebegleiter und Erfüllungsgehilfe.

Ein neuer Ortskern

„Leerstand ist ansteckend. Das habe ich gelernt und gesehen. Wie sehr leere Schaufenster die Stimmung im Ort drücken – das ist uns in Illingen bewusst geworden.“, sagt Amtsleiter Erwin Moser.  Im März 2014 besuchte er als einer der VertreterInnen aus Munderfing die Creative Villages Conference der deutschen Partnergemeinde Illingen im Saarland. Bei einer Begehung im Ort und bei anschließenden Vorträgen und Diskussionen zeigte sich, wie Illingen Leerstände im Gespräch mit HausbesitzerInnen beseitigt und teils durch temporäre Lösungen wieder mit Leben befüllt.

Das Thema Leerstand bewegt auch Munderfing. Eine Ortsumfahrung lenkt den Verkehr aus dem Zentrum. Das bietet zum einen die Chance, die Plätze durch die Beruhigung des Verkehrslärms wieder aufzuwerten. Andererseits birgt der sinkende Verkehr auch die Gefahr, dass die Frequenz im Ort sinkt und Leerstände wachsen, wenn nicht entsprechende Gegenschritte gesetzt werden.

Mit dem gesteigerten Bewusstsein für die Leerstandsproblematik aktivierte die Gemeinde Munderfing im Oktober 2014 die Bevölkerung in einer Ideenwerkstatt. BürgerInnen lieferten Wünsche und Ideen für den öffentlichen Raum im Ortszentrum. Das Ergebnis dieses Prozesses wird gerade realisiert: Es entsteht eine Abfolge kleiner Plätze und Begegnungsräume, die zum Verweilen einladen.

Aber das alleine reicht nicht, sagt Amtsleiter Moser: „Wenn man eine lebendige Begegnungszone im Ortskern schaffen möchte, ist es problematisch, wenn das größte Haus im Zentrum finster bleibt.“

Renaissance des Bräu

Der Gasthof Bräu in Munderfing folgt der Blaupause vieler österreichischer Orte: Er liegt direkt gegenüber der Kirche. Mehr als 40 Jahre lang blieb das Gebäude im Herzen des Ortes jedoch ohne dauerhafte Bewirtung und Nutzung. Das hat sich nun geändert.

Dabei spielten die Zukunftsorte eine nicht unwesentliche Rolle. Bei seiner ersten Kulturveranstaltung öffnete das Gebäude im Oktober 2014 seine Pforten für ein Konzert des sogenannten „Dorfschreibers“ Helmut Neundlinger mit seiner Band 3knabenschwarz und einer Ausstellung des „Dorffotografen“ Johannes Puch. Die beiden entwickelten für die Initiative „Creative in Residence“ der Zukunftsorte mit einer Reportage und einer Fotoserie jeweils ihren eigenen Blick auf die Gemeinde. Dem Rat der Zukunftsorte folgend nutzte man für die öffentliche Präsentation das leerstehende Bräu.

Diese Veranstaltung demonstrierte den Munderfingern das Potential des leerstehenden Gasthofs. Die Gemeinde veranstaltete außerdem auch eine Ideenwerkstatt zum Thema Ortskernentwicklung, ein Ideenlabor und Workshops zu „LandArt Munderfing“, einem Projekt mit der TU Wien, in den Räumlichkeiten der Gastwirtschaft.

So zeigte sich, dass im Bräu mehr als ein Gasthaus entstehen kann. Ein von der Gemeinde erstelltes Nutzungskonzept, die Pläne eines lokalen Architekten und die Investitionen des privaten Eigentümers waren die Grundlage dafür, um ein Bildungszentrum mit regionaler Strahlkraft zu schaffen. Das zentral gelegene Gebäude eignet sich nun für Kulturveranstaltungen, bietet Seminarräume für die örtliche Wirtschaft und kleine Starterwohnungen für neu oder temporär Zugezogene. Seit April 2018 läuft der Betrieb – und auch ein Gastronomenpaar bewirtet wieder Gäste. Damit bedient das Bräu den Wunsch nach „soften“ Standortfaktoren, den BürgerInnen bei einem Ideenlabor im Jänner 2014 geäußert hatten.

Co-Working am Land

Noch eine weitere Idee fand im Bräu eine Stätte: Ein Co-Working Space. Ein Co-Working-Space bezeichnet ein Gemeinschaftsbüro für Einzelunternehmer, aber auch viel mehr als das. Einerseits sinken die Fixkosten für den Einzelnen, indem Räume und Infrastruktur geteilt werden. Andererseits lernen sich die verschiedenen Kleinfirmen durch die offene Raumgestaltung kennen und können so kooperieren und voneinander lernen.

„Wenn ich aus Munderfing nicht rausgekommen wäre, hätte ich das Prinzip des Co-Workings nicht im Kopf gehabt”, sagt Amtsleiter Erwin Moser zur Umnutzung des Bräu. Das erste Beispiel lieferte bereits PostStudios in Strengberg, als das Architekturbüro alpenpendler im Jänner 2013 bei der allerersten Zukunftsorte-Veranstaltung einen der ersten ländlichen Co-Working-Space Österreichs präsentierte. Wie ein solcher Raum funktioniert, sah er dann Im Oktober 2013 beim Zukunftsort Moosburg und dem dortigen  Co-Working-Space schallar2 oder in der Werkstätte Wattens bei einem Ausflug der Zukunftsorte unter dem Titel „KoKo on Tour“. Diese Projekte lieferten auch die Beispiele, die die in Munderfing vorhandenen Zweifel - „Co-Working – das funktioniert doch am Land nicht“ - entkräften konnten.

Für Moser war es wichtig, das Konzept konkret zu erfahren – wie sich die Einzelunternehmer über die Kaffeemaschine und über die Tische hinweg austauschen, wie sich Kooperationen bilden und eine Gemeinschaft wächst. Diese Erfahrung verhinderte auch, dass im Bräu nun Trennwände und Einzelbüros stehen. Stattdessen zimmerte der Bürgermeister höchstpersönlich den großen Gemeinschaftstisch, an dem aktuell fünf JungunternehmerInnen ihre Besprechungen halten können. Der Co-Working-Space ist in das Bildungszentrum im Bräu eingebettet und eröffnete ebenfalls im April 2018.

Bildung außerhalb des Klassenzimmers

Schon bei Eintritt in den Verein Zukunftsorte gab es einen Waldkindergarten, eine gut besuchte Bibliothek und Kooperationen zwischen Volksschule und Neuer Mittelschule in Munderfing. Dennoch lieferten Beispiele aus dem Zukunftsorte-Netzwerk weitere Anstöße, wie man Jung und Alt durch Bildung auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereiten kann.

Der Zukunftsort Moosburg aus Kärnten zeigte etwa vor, wie man Bildung räumlich gestalten kann. Bei der Creative Villages Conference 2013 besichtigten die TeilnehmerInnen die ersten Bauabschnitte des Bildungscampus Moosburg. Diese Schuleinrichtung bietet Bildung und Räumlichkeiten nicht nur für SchülerInnen, sondern für den gesamten Ort. Die Institution Schule wird in den Ort eingebettet und öffnet ihre Türen für lebenslanges Lernen.

Wie Bildung von neuen Räumen beeinflusst wird, zeigte auch die Volksschuldirektorin Brigitte Rechberger aus Feldkirchen an der Donau bei der Zukunftsorte-Veranstaltung (8 + 8) * 8, bei der Gemeinden und Kreative aus Oberösterreich ihre Ideen und Projekte vorstellten. In Feldkirchen lösen sich die Kinder immer wieder aus den starren Grenzen des Klassenraums und lernen  fächer- und altersübergreifend. Um sich dieses Konzept in der Praxis anzusehen, besuchte 2017 eine Gruppe Munderfinger Bildungsakteure, unter anderem die beiden Schulleiter Elfriede Stadlinger (Volksschule) und Norbert Stangl (NMS), die Feldkirchner Volksschule.

Auch vom in Feldkirchen kennengelernten Prinzip der Cluster-Schule inspiriert, ist eine neue räumliche Lösung für Volksschule und Neue Mittelschule in Diskussion. Die Gemeinde Munderfing prüft gemeinsam mit den Schulen und Fördergeldgebern die Umsetzbarkeit eines eigenen Bildungscampus. Aber selbst bevor ein etwaiger neuer Bildungsbau realisiert ist, sieht Amtsleiter Moser die positiven Auswirkungen der Debatte: „Auf jeden Fall hat man miteinander diskutiert, das stärkt die Kooperation zwischen den Bildungseinrichtungen.“

Eine besondere Bildungseinrichtung für die Region, die Offene Netzwerkstatt Innviertel, ist ebenfalls gerade im Entstehungsprozess. Auch dieses Projekt hat vom Netzwerk der Zukunftsorte profitiert.

Ausheimische gefunden

Nicht zuletzt haben die Zukunftsorte dazu geführt, dass die Gemeinde ganz bewusst wieder den Kontakt zu weggezogenen BürgerInnen suchte. Bei den  Kommunalkonsulat-Neujahrsfesten in Wien, bei Kommunalkonsulat on Tour in Wattens oder bei der Veranstaltung Munderfinger Verbindungen im Rahmen des Projekts da&dort in Munderfing rückte das Thema “Ausheimische” ins Licht. „Das hat Vieles erleichtert und gelockert. Den Wiener Ausheimischen ist die Hürde genommen geworden, sich bei uns zu melden“, sagt Amtsleiter Erwin Moser.

Kontakte zum Innovationsforscher Fritz Ohler wurden gestärkt, der nun seine Expertise und seine Kontakte auch bei der Offenen Netzwerkstatt Innviertel einbringt. Eine Idee aus Zwischenwasser ermöglicht es auch, einen besseren Überblick über die Munderfinger Studierenden zu gewinnen und sie so auch persönlich anzusprechen. Denn wie der Vorarlberger Ort kompensiert Munderfing nun für jene Studierende die Kosten für das Jahresticket des städtischen Nahverkehrs, die ihren Hauptwohnsitz in Munderfing belassen. Durch diese Kontakte kann die Gemeinde auch schneller erfragen, welche Bedürfnisse bei potentiellen Rückkehrern bestehen.

Offen für den „Blick von außen“

Sechs Jahre Zukunftsorte ergaben somit Anstöße und Impulse für einen Ort wie Munderfing, der trotz einer hervorragenden Ausgangslage offen für neue Ideen bleibt. Eine neue Ortsmitte ist am Entstehen, Bildungseinrichtung verzahnen sich und ein Experimentierraum für Handwerk und Technologie öffnet als „Offene Netzwekstatt Innviertel“ bald seine Pforten. Junge Einzelunternehmer können nun außerhalb des Homeoffice im „Co-Working-Space“ auf Gleichgesinnte treffen.

Am Ende dieses Prozesses steht für Erwin Moser eine Erkenntnis: „Im Zukunftsorte-Netzwerk habe ich gelernt, zuzulassen, dass man sich Ideen von außen holt, von einer kreativen Gemeinschaft. Diese Welt wäre uns sonst verschlossen geblieben.“